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Corona Korea

Wieviel Todesfälle wären in Deutschland vermeidbar gewesen?

Die Todesrate in Deutschland im Zusammenhang mit Coronainfektionen hat nunmehr weit über 70.000 Fälle erreicht und steigt nicht voraussehbar weiter. Deutschland hat ca. über 80 Millionen Einwohner und das ferne Südkorea über 50 Millionen. Dort beklagt man bis heute noch weniger als 2000 Todesfälle.

Fest steht, dass Korea mit seinen Chinakontakten extrem gefährdet war und zeitlich eher betroffen als Deutschland. Zu Beginn der Epidemie reagierte Südkorea in einer Schnelligkeit, die wahrscheinlich vielen Menschen das Leben rettete. In Europa zunächst als Überaktionismus in der Ferne eher belächelt, dürfte sich heute die Richtigkeit jenes Handelns in den oben aufgeführten Zahlen widerspiegeln. Lange bevor die Situation in Deutschland kritisch wurde, hatte man in Südkorea auf der Regierungsebene richtungsweisende Entscheidungen getroffen, die konsequent umgesetzt wurden. Diese Maßnahmen liegen in englischer Sprache publiziert vor und hätten jedem interessierten westlichen Politiker als Handleitung dienen können. Wir veröffentlichen hier diese Publikation der südkoreanischen Regierung, in der alle Fakten und Maßnahmen mit Grafiken unterlegt einsehbar sind:

http://die-erle.de/wp-content/uploads/2021/04/★★ALLABOUTKOREASRESPONSETOCOVID-19-1.pdf Aerosole lassen sich durch Desinfektionsmaßnahmen erreichen

Auf 240 Seiten wird hier dargestellt worauf das Erfolgsgeheimnis des Landes beruht. Testung, Überwachung und Desinfektion, sowie eine Bevölkerung, die diese Maßnahmen weitgehend mit Einsicht trägt.

Seit Beginn groß angelegte Testmöglichkeiten um eine Übersicht über die Verbreitung zu erhalten war die Grundlage für weitere Entscheidungen

Derzeit diskutiert man in Deutschland über den weiteren Weg aus der Krise, die gesamtgesellschaftlich als Katastrophe beschrieben werden kann. Neben dem angedachten verstärkten Lockdown setzen sich alle Hoffnungen auf die Wirkung von höheren Impfraten. Mediziner verzweifeln über die Ignoranz in Politik und Gesellschaft und der Coronakrieg in einem Wahljahr machen die Entschlossenheit politischen Handelns nicht leicht. Kann man schon heute die Frage nach der Verantwortlichkeit für den hohen Zoll in den Todesraten stellen und lässt sich verzögertes und inkonsequentes Regieren hier in Bezug bringen? Ich glaube ja. Der zwischenstaatliche Vergleich ist nicht wegzuleugnen und eine Relativierung mit den hohen oder höheren Todesraten in anderen Ländern verdrängt die Verantwortungsfrage. Es ist die Aufgabe eines Staates seine Bürger zu schützen. Auch vor denen, die mangels Intelligenz oder Einsichtsfähigkeit ihre private Freiheit zu Lasten der Gefährdung anderer Bürger fehlinterpretieren. Erstaunlich ein europäischer Richterspruch, der heute sogar die Impfpflicht als zulässige staatliche Maßnahme sieht.

Auf dem Wege zur Testung. Korea bietet im Verdachtsfall den Betroffenen optimale Hilfe, wie hier der Transport zur Teststation

Südkorea hat sehr stark auf die Mitwirkung und Akzeptanz seiner Bürger gesetzt. Entsprechend wurden auch früh alle Hilfestellungen angeboten, um der eigenen Planung gerecht zu werden. Dazu gehörte auch die massive Mobilisierung von Personal. U. a. wurden Soldaten und Krankenschwesterschülerinnen in großer Zahl eingesetzt. Das strikte Programm ermöglichte der Bevölkerung eine vergleichbar freie Fortführung des Alltagslebens mit Auflagen. Jeder Quarantänefall erhält ein Versorgungspaket vor die Türe gestellt, Proviant und Desinfektionsmittel in ausreichendem Maß. Personale Betreuung per Telefon sind ebenso selbstverständlich, wie die Desinfektion von Flächen und Hinweise auf Vorsichtsmaßnahmen via App für die anliegenden Mitbürger.

Teststationen können jederzeit kostenfrei in Anspruch genommen werden. Verdachtsfälle werden isoliert von daheim abgeholt. Daneben gibt es Stationen, die mit dem Fahrzeug als „drive-in“ angefahren werden können. Ergebnis dann per App oder Telefon, ebenfalls kostenfrei.
Die Bevölkerung wird über die Medien aufgefordert, sich bei Auftreten verdächtiger Symptome testen zu lassen. Dieses Angebot gab es bereits seit Anfang 2020.

Während es in Deutschland zu Beginn noch als „Verschwendung von Testkapazität“ galt, setzte Korea konseqent auf Stichprobentestungen um ein besseres Gesamtbild der Epidemie zu erhalten. Eine Strategie, die sich neben den intensiven Desinfektionsbemühungen wohl mit für die niedrigen Sterberate dienlich war. Verlässliche und konsequente Desinfektionen sind selbst in Deutschlands Schulen eher Zufallsfunde, was bei Koreanern auf Unverständnis stößt.

Der Verfasser, der jährlich für längere Zeit in Korea weilt, hier beim Transport zur Teststation in einem dafür gestellten Krankenwagen. In 2021 war es nur Journalisten mit besonderen Auflagen möglich nach Korea einzureisen. Bedingung war u. a. eine 14tägige freiwillige Quarantäne im Wohnort.

Mittlerweilen findet in Deutschland eine Diskussion darüber statt, ob der Bund mehr Kompetenzen gegenüber der Ländervielfalt erhalten sollte. Fest steht jedenfalls, dass sich ein Krieg nicht in zersplitterter Formation gewinnen lässt. Corona ist ein Feldzug, der nur in globaler Taktik gewonnen werden kann und das Verlassen einer pur eurozentrischen Sicht- und Denkweise würde zweifelsohne Menschenleben retten. Es wäre Erkenntnis möglich gewesen, wenn man sie gesucht hätte.

Ein Vorbericht zum Thema findet sich hier.

(stk)

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E-Mobilität Nahverkehr Verkehr

„Straßenverkauf“ für lau? Wie sinnhaft sind E-Ladestellen auf öffentlichen Straßen?

Der Parkdruck in Großstädten ist groß. Genaubesehen ist es ein emotional besetzer Verteilungskampf, wie es rund um das Thema Auto eigentlich fast immer um eine psychosoziale Komponente geht. Das Auto ist nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern ein durch Werbungskonditionierung zur persönlichen Ausdrucksform hochstilisiertes Objekt, das zwei widersprechende Seiten besitzt. Es kostet Geld, verursacht Umweltschäden und beschlagnahmt öffentlichen Raum, auf der anderen Seite ist es persönliche Ausdrucksnote, Unterscheidungsmerkmal und vermeintlicher individueller Genußfaktor, für den Individuen oft gern bereit sind mehr Kosteneinsatz zu investieren, als es die reine Funktionserwartung abverlangt.

Großstädte sind da in einer Zwickmühle. Einerseits bringt Individualverkehr Kunden und Leben in die Städte, andererseits fordert die Verkehrsbelastung Begrenzung und Regulierung. Am Beispiel der Stadt Essen zeigt sich das Dilemma einer programmatisch durchdachten Gesamtstrategie in der Verkehrs- und städtischen Planungspolitik. Jahrzehnte war Essen eine industriebestimmte Stadt. Krupp und Bergbau strukturierten ihre Notwendigkeiten. Dann kam die Krise, als der Bergbau wegfiel und krampfhaft neben der Beschäftigungsproblematik auch ein neues Image gesucht werden musste. „Kulturhauptstadt“, „Grüne Hauptstadt“, das Bild der Stadt sollte weg vom Steigerlied und dem Image der grauen Vergangenheit zwischen schlechter Luft und verdreckten Straßen. Weder Kulturhauptstadt, noch der Wunsch nach mehr Grün haben jedoch die Verkehrsprobleme der Stadt gelöst.

Dann trat ein externer Faktor mit Anspruch in die Lokalpolitik. Die Deutsche Umwelthilfe hatte auch die Stadt Essen verklagt und ging in dem Rechtsverfahren mit einem Vergleich recht wirksam voran. Essen arbeitet nun unter Druck an umweltentlastenden Projekten. Vermehrter Fahrradwegsausbau ist ein sichtbares Zeichen, wenngleich keiner wirksam vorhersagen kann, welche Akzeptanz dieses Angebot dauerhaft beim Bürger finden wird. Ein Teilaspekt, der bereits zuvor in Essen für ein gespaltenes Meinungsspektrum führte, war die Einrichtung von Elektroladesäulen, die ganz dem Geschmack der neuerdings in der Mehrheitskoalition mit den Christdemokraten in Essen agierenden Grünen entsprechen. Hofft man doch, Halter von überdimensionierten Spritfressern bewegen zu können Vorteile von Elektrofahrzeugen zu entdecken. Dazu wurde öffentlicher Raum geopfert und unter der Prämisse „es darf der Stadt, die ohnehin hoffnungslos überschuldet ist, nichts kosten“. Eine Einstellung, die es auf Absatz ihrer Energie bedachten Unternehmen leicht macht, Strukturen für lange Zeit festzuschreiben. Mit dem Bild von Fahrzeugen, die sich lediglich durch den Austausch des Antriebs von den im bisherigen Straßenverkehr zu findenden Typen unterscheidet und der Prämisse, dass der Bürger ohnehin auf Öffentlichen Nahverkehr umzusteigen habe, könnte man die Beschreibung „neue Kraft in alte Kisten…“ gelten lassen.

Parkschild für Elektrofahrzeuge
4 Stunden parken zum Laden für E-Fahrzeuge

Nun ist die Stadt in „Kacheln“ aufgeteilt und zwei Anbieter kamen zum Zuge. Ein anderes Thema, das im Rückblick journalistisches Interesse wecken könnte, aber verbleiben wir in der gegenwärtigen Situation. Ladesäulen finden sich im Stadtbild und Fahrzeuge teilen sich temporär die Zapfsäulen. Dr. Rolf Krane, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Rüttenscheid und Kenner dieses Essener Stadtteils, das gerne als Aushängeschild urbanen Lebens in Essen genannt wird, tritt diesem Angebot an Elektroversorgung zunächst positiv gegenüber und kann sich mit einem modalen Mix im Verkehr anfreunden, gibt aber zu bedenken, dass das Konzept sich an Akzeptanz und allgemeinem Nutzen orientieren müsse. Denn bisher kann eine wirklich volle Auslastung der in den Raum gebauten Kapazitäten noch nicht gesehen werden. Andere Anwohner stören sich an den weggefallenen und nun nur für diesen Zweck bestimmten Parkflächen. Auch zukünftige E-Mobile werden öffentlichen Parkraum benötigen und es ist überhaupt nicht einzusehen, warum nicht private Flächen, Parkflächen von Discountern z. B., oder Flächen, die nicht in der wesentlichen Verkehrsführung liegen, in Betracht kamen. Die Essener Parteien halten still bei dem Thema und verärgerte Bürger sprechen von Parkraumvernichtung. Hinzu kommt, dass heute noch garnicht abschließend beurteilt werden kann, welche Entwicklung das Käuferverhalten nehmen wird. Zwischen Fahrrad, Elektroroller und E-Mobilen betreten auch Kabinenroller wieder die Bühne, wetterstrotzend und mit geringen Unkosten. Ein hochemotionales Thema, zu dem wir in kommenden Berichten Betroffene und Experten zu Wort kommen lassen.

Hans-Joachim Steinsiek

(Fotos: Redaktion Die Erle)

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Gewerkschaften Kommentar Parteien

1. Mai zwischen Traditionspflege und Sinnsuche

Wofür steht heute der 1. Mai? Eine Frage, die zu stellen kaum öffentliches Interesse wecken kann, denn zwischen Unkenntnis geschichtlicher Entwicklungen und idiologischer Stereotypie bewegen sich die Reaktionen zumeist desinteressierter Bürger. Ein freier Feiertag, der auch dem Volkslied folgend ein Fest der sich langsam freundlicher zeigenden Natur gewidmet sein könnte und nur noch für sehr kleine Gruppen eine politische Bedeutung trägt. Längst hat sich die Gesellschaft gewandelt und der Arbeitnehmer ist heute in einer rechtlichen Grundposition, die unvergleich mit der früherer Jahrzehnte ist. Ein reiner Gedenktag und dem Selbstverständnis politischer Parteien und Gewerkschaften dienend? Letztere teilen heute weitgehend das Schicksal großer Religionsgemeinschaften und schrumpfen kontinuierlich, dem Desinteresse der Masse geschuldet. Nun haben Gewerkschaften eine Vertretungsmacht, die in gesetzlichen Vorgaben eingebettet ist und dem Heer von Betriebsräten und Funktionären ihre Existenz sichert. Sie vertreten die „Klasse der Arbeitsplatzbesitzer“, der das stete Heer der Nichtbeschäftigten gegenübersteht. Letzteres hat keine Lobby und ist über die Sozialgesetzgebung alimentiert. Gesellschaftlich steht der „Beschäftigte“ sozial in höherem Ansehen, als der „Unbeschäftigte“, zu dem eine soziale Distanz bis in die gesetzliche Bewertung festgeschrieben ist. Lebensunterhalt in Rente bemisst sich an der Zeit und dem Ertrag in der Lebensleistung als „Beschäftigter“. Abgehängt die, die es aus gleich welchen Gründen nicht vollbracht haben das notwendige Rentenkonto aufzufüllen. Die Kategorie der Grundsicherung liegt unter dem, was ein „ordentlich“ Beschäftigter in der Norm von vorgegebenen Mindestjahren erreichen kann. Festgeschriebene Ungleichheit, die nicht das Einzelschicksal oder die Verfügbarkeit von Arbeit berücksichtigt. Und Vollbeschäftigung hat es in unserem Sozialstaat noch nie gegeben. Lebensleistung ist an Bedingungen verknüpft und soll das Gerechtigkeitsgefühl der „Arbeitenden“ befrieden. „Bedingungslose“ Zuwendungen an die Allgemeinheit passen da nicht in den historischen Kontext, auf den sich Gewerkschaften und Parteien bei der Zelebrierung des 1. Mai berufen. Soziale Gerechtigkeit auf eine allgemeine Menschenwürde und ein Grundeinkommen herunter zu brechen würde den Mythos des 1. Mai stören. Eine systemsprengende Idee, die mit der Neuordnung des Sozialsystems liebäugelt bedroht die traditionspflegenden Institutionen Gewerkschaft und Parteivertretung, wäre sie doch die Aufhebung der bisher gelebten Selbstbestimmung. Aus einem zu erkämpfenden Status führt der rechtliche Anspruch auf eine nicht an Bedingungen geknüpfte Lebensgrundlage, die alle teilen. Noch Utopie, aber bereits in Parteien sich formierende Entwicklung. Was würde aus Gewerkschaften und sozial orientierenden Parteien, wenn morgen eine große Mehrheit von Bürgern ein „Bedingungsloses Grundeinkommen“ einfordert? Eine Aufgabe, der sich Gewerkschaften wie Traditionsparteien bisher noch widersetzen, auch wenn die Idee mittlerweilen mit Beispielen und wissenschaftlichen Fürsprechern die Öffentlichkeit sucht. Das abgedroschene Mailied könnte eine frische Neuauflage erfahren. Allerdings mit gravierenden Neuerungen, die auch Gewerkschaften und Parteien nicht in ihren starren Denkgewohnheiten belassen könnten.

Einen schönen 1. Mai

(stk)

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Corona Korea

Test, Poker und wachsende Todeszahlen

Nachbessern ist ein Wort, das voraussetzt, das zuvor etwas nicht gut war. Vielleicht auch schlecht. Das, was in Deutschland bisher im Kontext mit Corona abging kann man eigentlich nur als schlecht bezeichnen. Ein Urteil, was auf den Straßen schnell Bestätigung findet, wenngleich das Gemeinte dann auch der größte Gegensatz sein kann. Von der Gegenwart und aus Sicht der Wissenschaft betrachtet ist ein neuer Lockdown alternativlos. Zu lange zauderte und haderte man im Interessengeklüngel und das regressive Infantilitätsgehabe tobte in den Sozialen Medien.

Dabei, man hätte wissen können, denn über die Gefährlichkeit und das Ausmaß der Bedrohung wusste man bereits recht früh. Asien kennt wiederholte Epidemien und musste Erfahrungen sammeln. Belächelt wurde bei uns das bekannte Bild von Touristen aus Asien, die sich selbst hier in Europa nicht von der heimischen Gewohnheit des Maskentragens freimachten. Als dann die Bedrohung nach Europa überschwappte und in eine Gewissheit wandelte, zögerte man sich der Gefahr zu stellen. Ich erinnere mich an das letzte Frühjahr, wir kamen von einem längeren Aufenthalt in Korea zurück und standen hier in Deutschland erstaunt vor sorglosen Menschenansammlungen. Journalistische Anfragen bei Kommunen und Universitätskliniken erbrachten zunächst eine Diskriminierung von Stoffmasken, wenngleich man sich später zu dem Gebrauch derselben durchrang und zum Tragen aufrief. Flächendesinfektionen, nein, die seien nicht zielführend, man berief sich auf einzelne Medizinermeinungen, bzw. den Standards der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Zufallstestungen und ein kostenfreies Testangebot, nein das sei „Ressourcenverschwendung“.

Wissenschaftsvermittlung über Talkshows und Politiker mit Selbstdarstellungsdrang auf allen Kanälen und im Netz. Politiker, die sich selber über Tagebücher verewigen und ihren Einsatz lobend in den Fokus der Öffentlichkeit schieben…, „Mein Kampf gegen Corona…“, wichtig genug scheinend, die Öffentlichkeit daran teilhaben zu lassen. Dann folgte diese AHA Regel, die Abstand und eine griffige Formel bot, aber kaum als Aha-Erkenntnis zu bewerten war. Denn bis dort, wo es Rat hätte geben können, drang westlicher Forschungswille nicht vor. Heute stehen wir vor nackten Fakten und Wissenschaftlichkeit sollte nur auf sie, nicht auf Meinungen setzen. Mittlerweilen beklagen wir mehr als 75000 Tote und horrende Infektionszahlen. Unsere Bevölkerungszahl liegt bei knapp über 80 Millionen Menschen. Korea, dicht an der Quelle der Epidemie hat über 50 Millionen Menschen. Dort sind bisher weniger als 2000 Menschen gestorben, so circa 7-8 tausend Infizierte. Nachbar Japan beklagt um 7000 Tote und weist um 14000 Infizierte auf. Wenn es eines Beweises bedürfte, Korea konnte es besser und es lässt sich nicht auf Zufall gründen, dass die Epidemie dort einen anderen Verlauf nahm.

Strikte Kontrollen beim Betreten von Kaufhäusern mit Temperaturfühlern

Worauf gründet sich der bisherige Erfolg der Koreaner? Hat er eine methodische Grundlage? Ja, er hat Methode. Denn schnell nach Beginn der Epidemie raufte sich die Politik zusammen und leitete strikte Maßnahmen und Aufkläungskampagnen ein. Zur Zeit unserer Abreise von Korea im Vorjahr bestimmten Informationshinweise im koreanischen Fernsehen die Programme. Masken, Desinfektion und ein wirksames Benachrichtigungssystem, die akribische Nachforschung und Begleitung von Infizierten, öffentliche Regelungen für Abstand und Hygienemaßnahmen wurden Alltag und mit Einsicht von der Bevölkerung hingenommen. Es gab kleinere Rückschläge, die auf religiös fanatische Gruppen und auf Besucher des großstädtischen Nachtlebens zurückzuführen waren, meist mit der Folge einer juristischen Bestrafung der Verantwortlichen.

Koreas Städte haben eine enge Bebauung. Hochhausappartements sind komfortabel und beliebt

Zu Jahresbeginn reisten wir mit Ausnahmegenehmigung als Journalisten wieder nach Korea. Strickte Kontrolle und Testung waren schon vor der Abreise hier Voraussetzung. Gleichwohl wurden wir nach der Landung auf Incheon-Airport vollkommen abgesondert. Die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel untersagt und ein Taxitransport führte uns dann in unsere zuvor bestimmte Wohnung in Chungju, ca. 3 Autobahnstunden südlich von Seoul. Freiwillige Quarantäne für 14 Tage waren die Voraussetzung für unseren weiteren Aufenthalt von einem Monat. In der Wohnung angekommen wurden wir vom örtlichen Gesundheitsamt kontaktiert und am kommenden Tag von einem Krankenwagen zur örtlichen Teststelle gefahren. Die Ergebnisse der Negativtestung erreichte uns dann per Telefon und SMS. Gleich darauf brachte die Post ein Paket mit landesüblichen Lebensmitteln und Hinweisblättern, sowie Hand- und Raumdesinfektionsmitteln einschließlich Schutzanzug für deren Gebrauch. Wie wir erfuhren, wurde dieses Paket jedem positiv Getesteten und den unter Quarantäne stehenden kostenfrei von der Gemeinde vor die Türe gestellt. Schön zu wissen, dass die Gemeinde sich in der Extremsituation um ihre Bürger kümmert. „Complience“, also die Bereitschaft zur Mitarbeit von Bürgern kann durch kleine Geschenke sicher beeinflußt werden. Natürlich verwies man uns darauf, dass wir jederzeit Kontakt zu unserem Ansprechpartner im Gesundheitsamt aufnehmen könnten, was in Anbetracht häufiger freundlicher Rückrufe des Amtsarztes sich erübrigte. Kontrolle kann auch sehr freundlich sein. Mit viel Verständnis für die Situation tröstete er uns überhöflich für unser eingeschränktes Dassein.

Touristische Ziele sind auch in der Pandemiezeit zugänglich.

Nach 14 Tagen Quarantäne folgte eine weitere Testung und wir waren frei. In Korea spielt sich das öffentliche Leben weitgehend normal ab. Markttage, Besuche von Restaurant und Café sind möglich. Allerdings immer mit Offenbarung von Namen und Telefonnummer, Handdesinfektion an den Eingängen und natürlich Abstand. Bestimmte Tische und Plätze sind als gesperrt ausgewiesen. Selbst Kirchen gestalten ihre Aktionen unter den strengen Sicherheitsbedingungen. Gewöhnungsbedürftig sind die zahlreichen Hinweise auf Positiv-Verdachtsfälle, wenn die Warnung das Mobiltelefon zur Aktion bringt. Dann werden Straßenzüge, Aufzüge und Treppenhäuser desinfiziert und die Nachbarschaft auf Vorsichtsmaßnahmen verwiesen. Tatsächlich desinfizieren die Koreaner alle Kontaktflächen von Menschen und halten das für unabdingbar. Hier in Deutschland konnte ich in einer Ruhrgebietsstadt nicht einmal offizielle Desinfektionsanweisungen für Schulen erfragen, ein Stadtdirektor teilte mir mit, der Aufwand sei nach seinen Erkenntnissen nicht notwendig. In Korea gelten gerade für die Schulbereiche sehr hohe Sicherheitsbestimmungen.

Dienstleistungsbetriebe sind geöffnet. Auch hier strikte Maskenpflicht.

Die Einreisebestimmungen für Korea sind sehr streng. Arbeits- und Schulvisa können erteilt werden, sind dann aber an Auflagen gebunden und mit Kontrolluntersuchungen überwacht. Die touristische Einreise und der unbegründete Verwandtschaftsverkehr sind unmöglich. Die breite Auslandsberichterstattung mit den katastrophalen Coronabilanzen in Europa und insbesondere in Deutschland führt bei Koreanern zu Unverständnis. Das Geschehen hier wird besonders beachtet, da das Interesse an Deutschland bei den Koreanern allgemein ausgeprägt ist. Das Bild von den Deutschen mit guten Organisationsfähigkeiten und Disziplin kommt durch Corona ins Zwielicht.

Gastronomie ist unter Einhaltung von Abstandsregelungen möglich

Worauf gründet sich augenscheinlich der durch Zahlen belegbare Erfolg der Koreaner? Man handelte von Beginn an mit gewohnten Abwehrmechanismen wie Maske und Desinfektion. Abstand ist in der koreanischen Kultur ohnehin verankert, man verneigt sich voreinander in Abstand, der Höflichkeit geschuldet.

Frühere Epidemien boten eingeübte Verhaltensmuster. Diskussionen um Freiheitseinschränkungen, gar offene Proteste sind nicht vorhanden, man handelt aus Einsicht in wissenschaftliche Ergebnisse. Die Sauberkeit öffentlicher Einrichtungen ist besser als in Deutschland. Die Begründung öffentlicher Maßnahmen erfolgte in breiter Form in den Medien und ein Regierungsprogramm zur Bekämpfung der Epidemie mit Auflistung aller Maßnahmen wurde sehr früh vorgelegt. Es ist auch in Englisch verfügbar und der internationalen Öffentlichkeit nicht verschlossen (wir veröffentlichen es hier im Folgenden). Derzeit finden in Korea die Impfungen statt, bei der Priorisierung folgt man den Empfehlungen der WHO.

Hätte Deutschland eine andere Perspektive gehabt? Aus der Außensicht kann das klar bestätigt werden. Entscheidungsschwäche, Organisationsversagen und halbherzige Maßnahmen dürften das schlechte Abschneiden im Vergleichsfall bedingt haben. Vielleicht ist das jetzige Hoffen auf Erfolge durch eine mit erneuten Organisationspannen gespickte Impfstrategie auch die Hoffnung sich nicht einer Verantwortungsdebatte stellen zu müssen. Ein Hoffen auf Vergessen und der Einrede der Alternativlosigkeit? Dann bliebe das Urteil über Corona und die Todeszahlen den Historikern überlassen, die dann aber die eurozentrische Sichtweise verlassen müssten.

(stk., Fotos: die-erle.de)

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Corona

Kann man die nun als sinnvoll erachteten FFP2 Masken mehrmals verwenden?

Nach den uns vorliegenden Informationen können FFP2 Masken begrenzt wiederverwertet werden, wenn man sie wie folgt behandelt:

  1. einen Tag in Raumluft trocknen lassen.
  2. bei 80 Grad im Backofen mit Ober-, bzw. Unterhitze (keine Umluft!) für eine Stunde belassen.
  3. maximal 3-5 mal in dieser Verfahrensweise, dann sollten die Masken allerdings endgültig entsorgt werden.
    wichtig ist natürlich eine entsprechende Handhabung bei diesem Verfahren, dass nicht durch Berührung der Masken eine Berührungskontamination erfolgt.

Sofern noch im Privatbereich mit Stoffmasken gearbeitet wird: mindestens dreilagig zusammennähen. Viele der im Netz kursierenden Anleitungen bauen zu dünne Masken auf, die als weniger wirksam betrachtet werden

stk

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Nahverkehr Verkehr

E-Mobilität darf nicht nur an einem Netz hängen

Die Vorstellung von E-Mobilität verbindet sich im politischen Raum mit Bildern von Karossen, die schon in der Ansicht sich kaum von dem unterscheiden, was wir durch die gegenwärtigen Verbrenner auf unseren Straßen wiederfinden. Fahrzeuge, die in Komfort und Design alter Gewohnheit treu bleiben. Damit sind der Wirtschaft und Automobilindustrie auch zukünftig die erhofften Gewinne sicher. Diese Vision in den Köpfen der Planer könnte aber vom Verhalten der Verbraucher schnell verändert werden, wenn sich die sozioökonomischen Rahmenbedingungen ändern. Denn wer heute davon ausgeht, dass nach der derzeitigen Pandemie in alten Fahrwassern alles nach altem Muster fortgeführt werden kann, der verläßt sich allein auf Hoffnung. Zwei Faktoren werden wohl langfristig unser Leben verändern. Sie sind unmittelbare Folge der jetzigen Krise und setzen eine Spirale in Gang, die zum Ausbau der lang beschworenen Digitalisierung führt. Die nun gemachten Erfahrungen mit Heimarbeit und digitaler Vernetzung werden neue Selbstverständlichkeiten bilden, die kurze Berufswege und neue Freizeitgewohnheiten beinhalten. Der Bedarf an schweren und energiedurstigen Verbrauchern wird schon bedingt durch knapper werdende Ressourcen im städtischen Raum und die klimabezogenen Notwendigkeiten zurückgehen.

Elektrofrosch, hier ein Quad, im Straßenbild. An den Maßen der Straßenkennzeichnung ist der geringe Platzbedarf offensichtlich.

Die Städte fühlten sich in den letzten Jahren oft als Getriebene. Als Reaktion auf von Umweltverbänden initiierten Klagen mussten städtebauliche Umgestaltungen vorgenommen werden. Gerichte, nicht die Politik, zwangen zu Aktionen, die, weil oft halbherzig und ideenlos weitere Einschränkungen und Konflikte beflügelten. So wurden, nicht ohne Schnalzen der örtlichen Energielieferanten, flugs Ladesäulen ins Straßenbild gepflanzt, die ihrerseits den knappen Parkraum im Stadtbild weiter vermindern. Nicht ausreichend, wenn der Trend zum Elektroauto anhält und schon jetzt Ärgernis, weil die Stellplätze von Verbrennern zugeparkt werden. Fahrradwegsausbau berücksichtigt zu häufig die reinen Freizeitgewohnheiten und Radwege auf Alltagsstrecken fehlen oder führen zu Konflikten mit dem bisherigen Nutzern. Die Frage, ob langfristig das Fahrrad tatsächlich auch wieder den Berufsverkehr erobern kann, entscheidet sich auch nicht durch Aktionen von Politikern, die demonstrativ das Rathaus mit dem Fahrrad ansteuern. Der Bedarf muß vom Bürger selbst bestimmt werden und dort lassen sich Tendenzen erkennen, die durch Entwicklungen in anderen Ländern bereits heute ablesbar sind. Bestimmt ist diese Erscheinung mit einem Trend zu kleineren Fahrzeugen, die am individuellen Nutzen orientiert gebaut werden. Das Auto für den kleinen Alltagsverkehr braucht weniger Raum, weniger Triebkraft und weniger überflüssigen Luxus. Dafür sollte es günstig im Unterhalt und auch preisgünstig zu erwerben sein. Reine Zweiräder haben den Nachteil des fehlenden Wetterschutzes. Die Erinnerung an frühere Kabinenroller und die Beispiele asiatischer Elektromobile im Kleinformat bringen heute Alternativen auf die Straße, die vermehrte Akzeptanz in allen Altersklassen finden könnten. Pioniere dieser Alternativen sind bereits in den Startlöchern und stehen einer sich stark mehrenden Nachfrage gegenüber. Dabei sind sie im Straßenverkehr eigentlich schon jetzt nicht mehr ungewöhnlich, denn der Klassiker Piaggio vertreibt schon seit langer Zeit seine unterschiedlich gestalteten Kabinenroller als Dreiradversion. Allerdings unterschieden sich diese Fahrzeuge lange nicht von der ungünstigen Umweltbilanz ihrer Vespaverwandten, bei denen allerdings heute auch Elektrovarianten angeboten werden. Interessant dann das Erscheinen von Elektrofahrzeugen in Kabinenbauweise, aus Asien importiert und sogar von einer Kaufhauskette vertrieben. Immerhin aber zu Preisen, für die auch noch ein gebrauchter Verbrenner erworben werden konnte. Aufgemischt wurde der Markt dann von einer Berliner Firma, die das importierte Gefährt als „Elektrofrosch“ brandete. Gleich in den unterschiedlichsten Ausfertigungen, vom langsam fahrenden Roller, der auch für Fahrradwege zugelassen ist, bis zum locker 45-50 km/h fahrenden Gefährt, das sowohl mit Ladefläche, Laderaum, als sportlicher Zweisitzer, oder gar als Wohnmobil für den Nahraum erhältlich ist.

All diesen Fahrzeugen ist zueigen, dass sie mit gewöhnlichem Haushaltsstrom über herkömmliche Bleigelakkus geladen werden können. Zur Ladung mit Haushalts- oder Solarstrom reicht ein übliches Stromkabel und Reichweiten zwischen 70 und 125 km sind möglich. Vermag es der Eigner vor seinem Hause zu parken, benötigt er keine raumfressenden Ladesäulen, die derzeit monopolartig von wenigen Betreibern angeboten werden. Wer vollständig mit Ökostrom arbeiten will, hat bei den bisherigen Säulen wenig Kontrolle über die Herkuft des angebotenen Stroms und kaum Ausweichmöglichkeiten. Mit der einfachen Steckdose dagegen kann der Verbraucher seinen Einfluß auf die Energiebeschaffung nehmen. Dabei ist der Verbrauch sehr sparsam, 100 km werden kaum über einen Euro zu Buche schlagen. Steuer? TÜV-Gebühren? Fehlanzeige. Lediglich eine Haftpflichtversicherung wie bei jedem Moped erfordern diese Fahrzeuge. Dann kommt der Aufmerksamkeitsfaktor, denn diese Winzlinge ziehen immer noch Blicke auf sich. Das könnte sich aber bald ändern, wenn diese Mobile vom Verbraucher mit all ihren Vorteilen erkannt und im Alltag vermehrt integriert werden. Mit ihrer geringen Breite lassen sie sich bequem auf Motorradparkplätzen abstellen. Auch ansonsten findet sich mit den relativ kurze Längen schneller eine Parklücke, und die mögliche Ausstattung mit einer Rückfahrkamera stellt schon eine gewisse Bequemlichkeit in der Handhabung dar. Als besonders „hip“ dürften dann die Exemplare auffallen, die bereits mit einem Solarteil auf dem Dach einen Anteil der Verbrauchsenergie gleich selbst erzeugen. Überhaupt ist dem Gestaltungswillen rund um diese Fahrzeuge großer Raum gegeben. Als Lastentransporter ebenso, wie als Verkehrsmittel im Berufsverkehr, wenn der Radius und Streckenzustand es zulassen. Aber auch hier wird eine zukünftige Hybridsituation, die die Zuschaltung eines sparsamen und leichten Verbrenners ermöglicht, den Radius für den Notfall bei nicht ausreichender Strommenge vergrößern.

Bis zu 50 Stundenkilometer schafft dieser Quad. Ausreichend, um bei den meisten Strecken des innerstädtischen Verkehrs „mitfließen“ zu können.

Fragen an die Kommunen werden aber bleiben. Warum hat man nicht die Bereitstellung von Ladesäulen auf private Flächen begrenzt? Aral und Esso bedienen ihre Kunden ja auch nicht auf dem öffentlichen Verkehrsraum. In Skandinavien findet man Elektroladesäulen auf Parkplätzen von Geschäften und Einkaufszentren. Deren Parkplätze stehen auch bei uns weitgehend nachts leer.

Auch wird es notwendig werden, im Vorfeld von Mietshäusern eine Außenführung von leichten Stromkabeln zu planen. Besitzer von Eigenheimen und bei Häusern mit vorgelagerter Parkbucht sind da bereits im Vorteil.

Und gleichermaßen sind Tempobegrenzung und Überwachung für Rad- und Kleingefährtfahrer lebenswichtig. Rennstrecken in Städten beschleunigen in der Regel ohnehin nicht den Verkehrsfluss, Ampeljagerei ist lediglich eine gefährliche Vergeudung von Verbrennungsenergie und suggeriert Fahrern eine Pseudosportlichkeit, die immer zu Lasten der Allgemeinheit geht.

Es ist ebenfalls ungünstig Garagen zu planen, deren Zufahrten infolge enger Steigungswinkel großen Energiebedarf abfordern. Elektrofahrzeuge bewältigen diese zumeist, die geleistete „Arbeit“ ist hier aber verlorene Energie.

Mit der Firma elektrofrosch-berlin.de werden wir 2021 den Einsatz dieser Kleinmobile sowohl im städtischen, als auch im ländlichen Bereich testen und fortlaufend berichten.

Hans-Joachim Steinsiek

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2021 Corona Kommentar

2021 – Reise ins Ungewisse

Allen Freunden und Lesern zunächst der Wunsch auf ein hoffentlich gutes Jahr. Ein Wunsch, der sich in der augenblicklichen Situation eigentlich nur im Konjunktiv ehrlich ausdrücken lässt. Tägliche Meldungen über erschreckende Todesraten scheinen wohl zunächst die erste Gewissheit von 2021 zu sein. In diesem Punkt werden die Medien vorerst von Reportern beflügelt. Die Berichterstattung über Folgen und den Umgang mit der Seuche, sowie die sozialpsychologischen Betrachtungen abweichenden Verhaltens Einzelner und gesichtsloser Massen gehören jetzt zum täglichen Leben. Über diese statierenden Darstellungen hinaus lohnt sich die Beobachtung der journalistischen Veröffentlichungen. Nicht jede Zeit bietet soviel Meinungsfreiheit wie die jetzige. Das Fehlen sicherer Fundamente erlaubt Interpretationen und Spekulationen. Grob lassen die sich kategorisieren in jene, die sich an der Art der Bekämpfung der Seuche abarbeiten, einschließlich der Spekulation des „hätte man….“. Dann diejenigen, die sich berufen fühlen die Zukunft zu wahrsagen und daraus Notwenigkeiten für das Jetzt postulieren. Letztlich jene, die nichthinterfragte Moralvorstellungen transportieren. Das nicht ausreichend kommentierte Interview gehört hier insbesondere zur letzteren Kategorie, die ich für die gefährlichste halte. Denn wenn in den digitalen Medien sich Akteure, Lokalpolitiker und selbst Verwaltungsleute sich ob ihres „unbeschreiblichen“ Einsatzes ordentlich auf die Schultern klopfen und oft schwer erkennbar ist, was eigentlich zur bezahlten Pflichtaufgabe gehört, ist dies als sozialpsychologisches Phänomen gut wegzustecken. Die Krise gibt halt auch jedem Rädchen im Gefüge eine Aufmerksamkeit, die den Anlaß braucht. Hiermit sind natürlich nicht die berechtigten Hilfeschreie jener gemeint, die unter Druck, und hier Leidensdruck, Mißstände in die Öffentlichkeit bringen. Eine Klage ist kein Tagebucheintrag im Stile verhinderter Kriegsberichterstatter.

Gefährlich wird diese letzte Kategorie dort, wo Politiker und Entscheidungsträger ethische Maßstäbe verwerfen und den Wert von Leben neu bestimmen wollen. Also lässig die Werte des Wirtschaftsablaufs über die Zahl der Seuchenopfer stellen. Dort wird ein Tabu gebrochen, das Widerspruch und Widerstand notwendig macht. Ich hätte da beispielsweise einen lauten Aufschrei in der CDU erwartet, als Schäuble in diese Richtung fabulierte. Wir gehen 2021 in ein Wahljahr und der Bürger wird entscheiden müssen, wer die grundgesetzlich bestimmte Norm des Lebensschutzes ernst genommen hat und nimmt.

Nein, Gewissheiten sind 2021 nur in der Realität zu finden. Es wird eine politische und gesellschaftswissenschaftliche Herausforderung, sich gegen Dummheit und Aberglauben zu stemmen. Letztere lehnen stets die Verantwortlichkeit für deren Folgen ab und verletzen damit die Grundrechte der Anderen.

Bleiben Sie gesund, schützen Sie sich und nutzen Sie den Verstand als Maßstab. Ansonsten bleibt uns nur die ungewisse Hoffnung.

Hol di munter, sagt der Ostfriese, auch wenn es stürmt.

Alles Gute in 2021

Hans-Joachim Steinsiek

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Corona Kommentar

Jammerweihnacht 2020

Nun kommt wohl, was nach Ansicht ernstzunehmender Wissenschaftler schon lange hätte kommen sollen. Die strengere Gangart im öffentlichen Raum ist unabdingbar, denn in Anbetracht einer tödlichen Bedrohung ist das Setzen auf Freiwilligkeit und Einsicht eher eine waghalsige Hoffnung gewesen. Wenn Weihnacht als Zeit der Hoffnung von Gläubigen gesehen wird, bietet das Bild der Realität nicht nur in den Intensivstationen Ohnmacht und Elend. Dabei war die Entwicklung des Pandemiegeschehens vorhersehbar und auch durch den Vergleich mit Staaten, die eine frühere Entwicklung hatten, im Verlauf beschrieben. Der Föderalismus hat in der Bewältigung des Panademiegeschehens kein positives Bild gezeichnet. Dabei hätte man sich an anderen Staaten orientieren können, Südkorea hatte eine viel konsequentere Haltung eingenommen. Zwar hatte es auch dort Ausrutscher gegeben, wenn in Kirchen oder Nachtclubs unter dem Trieb der Vergesellschaftung wider alle Vernunft die Regeln nicht anerkannt wurden. Während wir uns nun eine Schockstarre über Weihnachten und Jahreswechsel verordnen, ist das öffentliche Leben in Südkorea kaum beeinträchtigt. Fragt man nach der Ursache für die Differenz, kommt man um eine Erkenntnis nicht herum, die Disziplin der Asiaten und die Einsicht in Notwendigkeiten sind ausgeprägter als in unserer Spaßkultur. Ein Phänomen ließ sich aber bei uns mit Beginn der Seuche beobachten. Vermeintliche Experten, als Politiker oder Verwaltungsfunktionsträger, traten wo immer möglich ins Rampenlicht oder setzten sich selbst über die sozialen Medien in Szene. Da konkurrierten dann Verwaltungsbeamte, Bürgermeister und Politiker mit Ratschlägen, „Erfolgsberichten“, gespickt mit den jeweils neuesten Zahlen „Wiedergenesener“ und Toten via Facebook, Twitter etc., um ja auf ihren Einsatz zu verweisen. Corona sprengte die Nachrichtenfesseln und führte zur persönlichen Kriegsberichtserstattung von der Pandemiefront. Müßig auf die Nachrichten der Tageszeitungen zu warten, wenn doch die neuesten Zahlen via Facebook von den Verwaltungsakteuren direkt abgeklickt werden können. Distanzen wurden in den Sozialen Medien, in denen das System die „Du-Befreundung“ schon vorgaukelt, vollständig aufgegeben. Das Buhlen um Gunst und Ansehen jenseits von Wahlkämpfen aus der „Macher“ Perspektive. Das die Freiheit des Politikers aber Distanz zu allzu wirtschafltich gedachten Bedenken benötigt, um auch unpopuläre Maßnahmen einfordern zu können, schien vergessen. Erst jetzt bringt das Leid der großen Zahl die Panik und entschuldigende Geste über das zurückliegende Zaudern und Taktieren. Nein, analysierend Zurückschauen möchte man nicht, die Gegenwart ist grausig genug, der Rückblick käme an der Frage des anfänglichen Versagens nicht vorbei.

Ich erinnere mich an den Beginn der Entwicklung. Ich kam gerade von Südkorea zurück, wo wir durch überall sichtbare Veränderungen und pausenlose Beiträge in Funk und Fernsehen auf die neuen Verhaltensnotwendigkeiten vorbereitet waren. Überall Desinfektionsmittel, selbst in Toiletten, die öffentlichen dort allgemein sauberer und kostenlos in größerer Zahl bereitstehend, als wir dies aus unserer heimischen Großstadt kennen. In Kaufhäusern, Hochhausfluren und Aufzügen, überall Menschen mit Masken. Weitgehend selbstgenähte, häufig modische Modelle, immerhin gehört es ich in Korea, daß man auf der Straße wohlgekleidet ist. Mir selbst fällt auf, daß mich Unbekannte auf einmal direkt in Koreanisch ansprechen, wo ansonsten das wohl mit englischen Vokabeln erfolgt wäre. Schnell erschließt sich mir mein Ansichtswechsel… Koreaner tragen auch im Alter Grau und nun fehlte die ansonsten dominante Nase des Europäers, elegant durch die Maske verdeckt. Der Wechsel nach Deutschland führt zu entsetztem Erstaunen. Bereits am Flughafen Menschengruppen in enger Zuwendung. Nein, Corona ist doch weit weg. Es folgen die Monate im Kompetenzgerangel und Freiheitsdiskussionen, die an philosophische Erstseminare erinnerten. Wenn der Eimer der Vernunft aber nun ein Loch hat, predigt selbst der/die Weise in die Wüste. Jochen Steffens Wort, „Junge, du wirst noch mal eine Zeit erleben, da wird nicht mehr regiert, da werden Mängel verwaltet.“ kommt mir in den Sinn. Als Schüler noch, traf ich auf ihn im Rahmen einer gesellschaftspolitischen Veranstaltung in der Essener Volkshochschule. Das von ihm beschriebene Szenario offenbart sich nun in der Krise. Die Politik wird in wichtigen Fragen handlungsunfähig, selbst da, wo in der Bevölkerung bei konkreter Umsetzung Verständnis zu erwarten wäre. Stattdessen dominieren Unvernünftige und agitierende Minderheiten die Leere.

In meiner Herkunftsfamilie hörte ich oft die Floskel, „ihr könnt da ohnehin nicht mitreden, ihr habt ja noch nichts mitgemacht.“ Die Alarmbereitschaft in den Bombennächten, das Bergen von Leichen aus zerbombten Kellern, nein, das entzieht sich unserer Vorstellungskraft. Ob sie, längst verstorben, heute die Belastung ausbleibenden Besuchs, oder das Maskentragen wohl beklagen würden? Klagen war ihnen ja bereits als Kinder aberzogen worden, aber ich bin sicher, sie wären furchtloser als viele Zeitgenossen, denn der Feind ist bekannt und man kann handeln. Die Freiheit zur Handlung statt diffuser Ängste. Die Einsicht in das Notwendige der Handlung, das kein Zaudern duldet. Es ist die Kraft, die ich nicht im Verhalten vieler Politiker wiederfinde. Das Jammern der Einzelnen temporär nicht allein sein zu können, die Abhängigkeit vonfortwährender Vergesellschaftung, es ist symptomatisch für die Leere in einer Überflußgesellschaft, die dem Einzelnen den Anreiz zur Entwicklung einer selbständigen Persönlichkeit nimmt.

Ende Januar werden wir den interkulturellen Vergleich mit Korea fortsetzen können. Das notwendige C1 Visum zur Einreise ist durch das koreanische Justizministerium erteilt und gleich der Verhaltenskatalog unterschrieben, der uns eine 14-tägige häusliche Meditation vorschreibt. Bekannte, die in normalen Zeiten gerne mal zwei Wochen eine Auszeit in einem Kloster in der koreanischen Bergwelt nahmen, hätten derzeit keine Möglichkeit, Korea verweigert konsequent Besuchsreisen. Den Weisungen folgend werden wir also vom Flughafen aus auf dem Hintersitz eines Fahrzeugs, nicht sprechend und mit Maske unseren Zielord ansteuern und dort unsere Wohnung nicht verlassen. Die Literatur ist bereits ausgewählt und es wird sicherlich eine entspannte Zeit, bevor wir Ihnen dann weitere drei Wochen einen Einblick in den koreanischen Alltag unter Pandemiebedingungen übermitteln werden.

Bleiben Sie gesund, oder wie wir es in Ostfriesland zu sagen pflegen: Hol di munter. Zuversicht ist auch in der Krise die stärkste Kraft.

(stk)

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Corona Kommentar

Was gilt es zu schützen

„Weitere Einschränkungen können zu einer ablehnenden Haltung in der Bevölkerung führen…“ diesen Satz konnte man bei der Verkündung neuer Einschränkungsempfehlungen vernehmen. Welcher interessegeleitete Entschluß wird mit dieser Aussage demonstriert? Sind notwendige und auf wissenschaftlicher Basis sinnvolle Entscheidungen jetzt nur noch auf dem Hintergrund von Akzeptanz der Massen zu fällen? Derzeit überbieten sich Lokalkommentatoren in der Bewertung der Sinnhaftigkeit von Sanktionen, die auf das Anschnellen der Coronaraten getroffen werden. Ökonomische und soziale Faktoren bekommen nach den Erfahrungen der ersten Coronawelle mehr Aufmerksamkeit und gewinnen an Bedeutung in allen Entscheidungen. Gleichzeitig geraten in dieser Konstellation Politiker in die Rolle von ethischen Entscheidungsträgern. Wieviel Risiko kann und darf ich politisch rechtfertigen ohne die Grundrechte des einzelnen Bürgers auf Schutz und gesundheitliche Unversehrtheit zu verletzen? Können letztere überhaupt nach dem Prinzip der Massenabstimmung mit beliebigem Ausgang herbeigeführt werden, oder ist die „Unantastbarkeit des Einzelnen“ eine unhintergehbare Schranke, für die der gewählte Politiker ohne Interessenabwägung sonstiger Neigungen einzustehen hat? Ein Blick nach Asien sollte nachdenklich machen und sich nicht auf Länder ohne demokratischer Grundordnung beschränken. Südkorea hat in beispielhafter Weise schnell und äußerst konsequent auf die aufkommende Pandemie reagiert. Ergebnis ist eine vergleichsweise geringe Todesrate und eine landesweite Akzeptanz der von der Regierung zentral vorgegebenen Verhaltensanforderungen. Disziplin ist ein Wesensmerkmal in der demokratischen Gesellschaft, um die in Korea die Regierung nicht buhlen muß. Man empfindet keine Verletzung des Datenschutzes, wenn das leibliche Wohl und Überleben von Menschen Transparenz erfordert. Letztlich muß jeder Verantwortliche als Bürger oder Politiker sich der ethischen Bedingungen vergewissern um nicht in die Diktatur von ökonomischen und sozialen Wunsch- und Gewinnerwartungen zu steuern. Längst geht es nicht mehr ausschließlich um den Verlust von Existenzen, die Fiktion eines Grundanspruchs auf das hemmungslose Ausleben von „sozialen Happenings“ wird medial unkritisch als hinzunehmende Gegebenheit transportiert. Das sich nicht Allein-Ertragen können, das Fliehen aus der häuslichen Umgebung über alle Maßen sind beobachtbare persönliche Defizite, die zu einer Anspruchserwartung verleiten und jeden Politier in der Freiheit seiner Entscheidung hemmen, wenn sie doch der Erwartungshaltung seines Wahlklientels widerspricht. Ergebnis sind zögerliches Urteil und zaghafte Handlung, Erklärungsbedarf und Rechtfertigungszwang, die der Bedrohung durch das Virus und dem Schutz aller Menschen nicht gerecht werden.

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Corona

Wenn der Kurort seine Gäste zur Heimreise zwingt…

Johannes Trännapp, Bürgermeister der Samtgemeinde Hage

Hage ist Luftkurort und beliebt bei Patienten mit Bronchialbeschwerden. Die nahe Nordsee und ihr Klima gibt Hage ideale Kurbedingungen, wäre nicht dort Corona und die Verwaltungsanordnung, die alle Gäste ausweist und die Gemeinde vor schier unlösbare Probleme stellt. Wir sprachen mit dem Bürgermeister Johannes Trännapp über die Auswirkungen der jetzigen Krise…

Interview aufgezeichnet am 19. 3. 2020

(stk.)