Der "Metropolenteil Wattenscheid", heute Stadtbezirk von Bochum, scheint wohl wenig attraktiv. Wattenscheid hat zwar einen kleinen überschaubaren Bahnhof, und wer sich von ihm aus ins Stadtinnere bewegt, stößt auf Grünflächen und teilweise noch vorhandene historische Bausubstanz, die trotz der heftigen Bombenstürme des Zweiten Weltkriegs noch heute steht. Das Ruhrgebiet musste sich nach dem Weltkrieg ja auch architektonisch neu erfinden, denn historische Substanz war nicht durch Bunker zu schützen und die Bomberflotten des Krieges sahen das Ruhrgebiet als "Rüstungsschmiede". Die Nazis waren davon eigentlich nicht überrascht, denn man erwartete gerade hier heftige Luftangriffe, immerhin war der Ruhrpott ja schon früh im
sogenannten "Dritten Reich" als Rüstungsschmiede hochgelobt worden. Nun galten die Besuche des größenwahnsinnigen Despoten vom Obersalzberg nicht der damals noch selbständigen Stadt
Wattenscheid. Wattenscheid war im Machtkalkül des kriegslüsternen Idioten von der Reichsspitze wohl kaum interessant. Ein Faktum, das sich eigentlich für die Wattenscheider als günstig hätte erweisen können, läge dieses Örtchen nicht in der unmittelbaren Nachbarschaft von Essen
und Bochum, Städten in denen die Großindustriellen der Region ihre Werke betrieben. "Reichswichtig, oder kriegswichtig", wie man damals zu sagen pflegte. In der Außenwahrnehmung gab es damals schon eine Metropole, eine Rüstungsmetropole, an der Englands Lord Winston Churchill nach den eigenen bösen Erfahrungen in der Kriegsführung mit den Deutschen ein Exempel statuieren wollte. Es sollte mit einer Flächenzerstörung der Kriegswille im Nazireich gebrochen werden. Also bekam auch das nur zufällig zwischen Essen und Bochum liegende Wattenscheid sein Fett weg und verlor neben Menschen auch Architektur, was natürlich aus heutiger Sicht wenig kriegsentscheidend war. Und hier sind wir in der Gegenwart des Ruhrgebiets angekommen. Es ist absolut nicht bescheiden, einige Funktionäre/innen, um der modernen Bezeichnungspraxis zu entsprechen, haben ja den Anspruch "Metropole" in ihr Programm und in Dienstanweisungen aufgenommen. Solidarisch als Metropole will man um Ansehen und letztlich auch um finanzielle Zuwendungen werben, was bei den vielen Gemeinden an der Ruhr garnicht einfach ist. Es gibt nämlich tatsächlich auch noch Gemeindeindividualitäten. Offenbar wird dies aber nur dort, wo Entgleisungen die Denkweisen der Akteure die Massen teilhaben lassen.
Essens Oberbürgermeister Reinhard Paß hat zum Wochenende wohl der Süddeutschen Zeitung das Herz geöffnet. „Ohne Krupp wären wir so geworden wie Wattenscheid.“ Ein Satz, der formallogisch nicht überprüfbar ist, als Prämisse reicht sie nicht zum Schluß, stattdessen
zur Verärgerung von Hans Schippmann, stellvertretender Vorsitzender der Essener CDU-Fraktion. Der historisch interessierte pensionierte Schulleiter führt umfangreich aus: „Über den Vergleich des SPD-Oberbürgermeisters kann man nur kopfschüttelnd feststellen: Unsere Stadt auf diese Weise in einer überregionalen Zeitung so klein zu reden, spricht allen Bemühungen Hohn, unser Image in der Öffentlichkeit endlich der Realität anzupassen. Wenn der Oberbürgermeister sich im Ruhrgebiet auskennen würde, dann wüsste er: Das Ruhrgebiet ist keine Ansammlung von verrußten und bergbaugeschädigten Kleinstädten, deren Unterschiede bestenfalls durch Industrieellennamen wie Krupp markiert werden. Es gab Essen schon vor Krupp. Einige Städte im Ruhrgebiet unterscheiden sich gewaltig von anderen und zeigen deutlich die Vielfalt der Entwicklungsmöglichkeiten: Essen ist als Stift mit tausendjähriger Frauenherrschaft geradezu einmalig. Damit ist Essen lange vor der Industrialisierung und der „Kruppisierung“ ein geistiges und kulturelles Zentrum gewesen, dem die Reichsabtei Werden in enger Nähe zu Essen in Nichts nachstand. Ganz anders die Entwicklung in Dortmund. Hier entwickelte sich eine freie Reichsstadt mit hoher Bürgermitbestimmung, eine selbstbewusste Stadt, deren hohes kulturelles Niveau sich in kirchlichen Baudenkmälern und deren Ausstattung niederschlägt. Niemand in Essen will die Leistung der ‚Kruppianer‘ schmälern. Sie ist mit dem Aufstieg zur Großstadt eng verknüpft. Aber auch hier haben viele Bürgerinnen und Bürger zum Erfolg beigetragen. Essen auf den Namen Krupp zu reduzieren, heißt gleichzeitig, Essens Geschichte und die Tatkraft seiner Bürgerschaft auszublenden.“
Hier treffen sich also zwei Begriffe, "tausendjähriges Reich und tausendjährige Frauenherrschaft". Stellen wir uns einmal vor, nachdem wir ersteres als wirren Wunschtraum von Wahnsinnigen erkannt haben, der letztere Begriff wäre unangefochten. Die "Metropole der tausendjährigen Frauenherrschaft", das wie man heute zu sagen pflegt, "Alleinstellungsmerkmal", das doch nicht nur touristisch, sondern auch politisch der Senkrechtstart zur Vermarktung des Pottes dienen
könnte. Offenbar hat der RVR (Regionalverband im Ruhrgebiet), der sich für die Metropolenkultur an der Ruhr als Vorkämpfer sieht, diese Argumentation noch garnicht erkannt. Essens Oberbürgermeister Reinhard Paß könnte mit diesem Argument bei der überregionalen Körperschaft punkten, vielleicht als zukünftiges Oberhaupt der Region? Ein stadtübergreifender Kulturstatthalter nach 2010, dem gefeierten Kulturhappening im Pott, war ja nicht durchsetzbar, aber nun, als Repräsentant einer gemeindereformgestärkten Amtsinstitution? Mag ja das Knöttern seines CDU-Widersachers auch ein Körnchen Wahrheit enthalten, denn Krupp kann nicht der Mittelpunkt einer Stadt sein, auch dann nicht, wenn als Kriegsfolge und Firmenpolitik ein dicker Geldsack zur gemeinnützigen Verteilung in Form der Kruppstiftung hier neben einer unzerstörten Villa Hügel ihren Sitz hat. Eintausend Jahre sind ein langer Zeitraum. Man ist versucht den alten Augustinus und seine Betrachtungen der Zeit zu bemühen, aber es gibt auch simple Unterscheidungen zwischen Essen und Wattenscheid. Essen hat seine Hexentaufe, Wattenscheid kennt sie nicht. Die Herrschaft der vom Hobbyhistoriker Schippmann zitierten hatte auch eine Schattenseite. Sie waren in ihrer Zeit die Rechtsinstanz und hatten damit die Macht über Leben und Tod. Und was da so zierlich als "Taufe" heute noch als Landmarke dient, es ist die Erinnerung an nichts weniger als den Tod. Man pflegte in jener Zeit eine einfache Beweisführung. Ersoff die als mit dem Teufel im Bunde vermutete Frau, so galt sie als unschuldig, im anderen Fall galt sie als schuldig mit gleicher Folge. Essens Stadtarchiv ist zwar nicht an allen Tagen zugänglich, eine Sparmaßnahme, aber an den wenigen Öffnungstagen hätten beide Politiker Gelegenheit sich über die Identität ihrer Stadt auszutauschen. Daß Essen als Wohnstadt nicht gerade auf den guten Plätzen vertreten ist, ist aber nicht zwangsläufig von Krupp oder kirchlicher Macht abhängig, beide sind in der Gegenwart stark angeschlagen. Krupps Nachfolger haben sich bekanntlich stark verspekuliert, der anderen laufen u. a. nach nicht schmeichelhaften Schlagzeilen die Gläubigen weg. Politiker von heute sollten sich wohl doch besser auf die Gegenwart konzentrieren. Natürlich ohne die kleinen Nachbarn unbedacht zu "mobben"...
(stk., )