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Das Museum zur Stadt öffnen

Dr. Tobia Bezzola

 Das Folkwangmuseum in Essen galt 2010 als das besondere Geschenk an die Stadt. Gerne schmückte man sich mit dieser 50 Millionen Investition der Krupp-Stiftung, die sich aber nur marginal in das damalige Kulturhauptstadtgeschehen vereinnahmen ließ. Die großen überregional ausstrahlenden Ausstellungen waren das bisherige Geschäft. Daß dies aber kein Modell auf Zukunft sein kann, betont nun der erst wenige Wochen im Amt weilende neue Leiter des Hauses, Dr. Tobia Bezzola. In unserem Interview berichtet er von strukturellen Problemen, die ein Umdenken erfordern.

Dr. Tobia Bezzola kommt aus Zürich, wo er seit 1995 als Kurator tätig war und zusätzlich ab 2001 Leiter der Abteilungen Ausstellungen, Neue Medien, Fotografie und Wissenschaftlicher Leiter der Bibliothek. Bezzola ist Geisteswissenschaftler, promoviert mit dem Thema "Die Rhetorik bei Kant, Fichte und Hegel", eine gute Voraussetzung zum nüchternen Urteil auch über die banale Ausgangssituation im neuen Hause hier in Essen. Denn im Gegensatz zu den bisher überzogenen Selbstdarstellungen des Hauses und der lokalen Politik, bestätigt er heute das, was frühe Skeptiker, auch in unserem Medium, verlauten ließen. Es läuft nicht so richtig rund im Museum und die Zukunft verlangt ein frühzeitiges Umsteuern.

Es sind vor allem strukturelles Mängel, die man bisher gern verdrängt hat. War man doch froh, durch einen Investor und einer bekannten Bauausführung "in einer Hand", relativ problemfrei über die kritische Bauphase gekommen zu sein. Daß dies allerdings nicht kostenfrei war, stellt sich nun bei der Betrachtung der vertraglichen Bindungen des Hauses heraus.

"Ein Museum müsste auch seine Restaurants selber betreiben, es fehlen Räumlichkeiten, wo Besucher auch mal "abhängen" können. Da lag schon in der Planung ein Problem. Es kann nicht sein, daß ein Restaurant innerhalb des Museums macht was es will..." lässt sich nun vernehmen. Hintergrund ist eine langjährige vertragliche Bindung mit den Bauausführenden, die nun die Gastronomie und das Parkhaus allein bewirtschaften.

Alternativ will man wenigstens in den Sommermonaten eine Freiluftgastronomie anbieten. Das Parkproblem, das man 2010 mit sogenannten Shuttlebussen zu kontern versuchte, wird weiter das Haus belasten, denn nicht jeder Besucher findet Muße bei laufenden Parkkosten von 1,50 Euro pro Stunde. Beim durchschnittlichen Museumsbesuch ist da schnell die 5-Euro-Marke überschritten.

Auch die Versorgung auf der Basis von Stadtkräften ist nicht optimal. Einfache Umgestaltungen können nicht flexibel genug ausgeführt werden, wenn auf externe Stadtmitarbeiter zurückgegriffen werden muß.

Die bisherige, von Ausstellung zu Ausstellung hangelnde Arbeitspraxis sieht Dr. Bezolla nicht mehr als sinnvoll an. "Man war zu fixiert auf den großen Blumenstrauß...", resümiert er, "die Farbensträuße sind aber nicht die Zukunft, das ist nicht mehr ausbaufähig...". Immerhin ist man mit der bisherigen Ausstellungspraxis auch gewissermaßen Schulden eingegangen, denn in den kommenden Jahren werden viele der Hauptwerke der bestehenden Sammlung den bisherigen Leihgebern zeitweilig für andere Ausstellungen zu überlassen sein. Das wird vielleicht dazu führen, daß  zukünftig die Autobusse vor dem Museum sich nicht mehr so stauen wie bisher.
Das Haus soll qualitativ und quantitativ eine größere Sichtbarkeit erhalten. Denn ohne eine bessere Anbindung an die ortsnahe Bevölkerung gäbe es für das Haus keine Zukunft. Einen Tag in der Woche mit freiem Eintritt, das "wäre ein Signal an ganz Essen." Hier erhofft sich Bezzola Hilfe und Verständnis seitens der Lokalpolitik, denn die pädagogische Arbeit des Hauses, die sich nicht nur an Kinder und Jugendliche richten soll, hat auch in der Vergangenheit eine gute Entwicklung gezeigt.

Dazu wäre auch die Bildung eines "Publikumsvereines" denkbar, der parallel zu dem vielfach als elitär empfundenen Museumsverein breitere Schichten anspräche.

Das Folkwangmuseum sollte einen breiteren Austausch pflegen, Ziel ist ein interessanter Austausch, man darf aber dann nicht erwarten, daß extrem teuer gehandelte Sammlungen bei Folkwang Schlange stehen. Bezzola ist sich der Dimensionen bewußt und führt das Haus mit seiner nüchternen Perspektive in eine realistische Dimension zurück.

Hören Sie das halbstündige Interview hier....(anklicken! je nach ihrer Rechnerleistung kann sich ein Moment Vorlauf ergeben.)

 

 

 

Die kürzlich ins Museum zurückgekehrte Maillol-Holzskulptur "Jeune fille debout" von 1902

 


 

Wieder zurückgekehrt. Bereits seit Mitte der 20er Jahre für zehn Jahre als Leihgabe in Essen ausgestellt.

 

(stk., Fotos: Armin Thiemer)

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